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  • Die Acht

Über Schlüssel, Türen und unbekannte Räume (Teil 2)

Aktualisiert: 30. Sept. 2020


Ich beobachte die Menschen, denen ich begegne. Sei es bei der Arbeit in der Physiotherapie, beim Training, im Privaten, auf den sozialen Medien durch diverse Beiträge, in der Öffentlichkeit, auf der Straße, usw. … in allen Situationen beobachte ich die Menschen vor allem hinsichtlich ihrer Körperhaltung, ihrer Bewegung, ihren kleinen und großen Besonderheiten, ihren „Fehlern“ und Dysbalancen, und natürlich auch die ganzheitlichen Zusammenhänge.

Was ich dabei lerne, kann ich in erster Linie für meinen eigenen Lernprozess benutzen. In zweiter Instanz kann ich dann viele Beobachtungen mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen kombinieren und gewinnbringend in der Körpertherapie meiner Klienten einsetzen. Und schließlich sehe ich immer mehr, welches Bewusstsein die Menschen über ihren Körper haben.

So kann ich z.B. Empfehlungen von anderen Trainern und sogenannten ''Experten'' bezüglich ihrer Relevanz immer besser einschätzen und mich in dem beinahe überwältigenden Dschungel der Informationen sehr viel besser zurecht finden. Hierbei steht vieles unter dem Motto: „Wenn Du einen Experten, Therapeuten oder Trainer suchst, der Dir zeigt, wie Du richtig stehst und gehst, dann ist das recht schwierig. Denn kaum einer dieser Therapeuten oder Trainer kann selbst richtig stehen oder gehen."

Warum das so ist? Ganz einfach: Wir alle haben Dysbalancen (in allen Bereichen) und dementsprechend ein noch mehr oder weniger schlummerndes Körper-Bewusstsein.


Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwierig und langwierig es ist, das alles aufzuarbeiten. Wir werden in dieser Hinsicht wohl niemals ''perfekt'' sein, doch sollte es unser Ziel sein, dem so nahe wie möglich zu kommen. Denn genauso wie in allen anderen Bereichen möchten wir auch im körperlichen Sinne unsere Mitte finden und in Balance kommen.

Wie gesagt ist das eine Frage des praktischen Umsetzens, Erlebens und schließlich des Bewusstseins. So kann ein Trainer oder Therapeut mit einer nicht vollständigen Aufrichtung, einer nicht korrekter Schulterstellung oder einem leichten Hallux-Valgus, etc. - im Allgemeinen gesprochen also mit einer nicht optimalen Biomechanik - immer nur bis zu einem gewissen Grad Empfehlungen geben und therapieren. Denn schließlich gilt, dass man immer nur das (wirklich und wahrhaftig) weitergeben kann, was man selbst erfahren hat.

Das heißt nicht, dass es bis zu diesem Grad nicht richtig oder förderlich ist, sprich dem Klienten nicht helfen kann bzw. die Theorie, die jenseits der eigenen Erfahrung liegt, nicht als Anstoß für den Klienten dienen kann. Es bedeutet lediglich, dass bis zu diesem Grad nur ein isolierter Teil des großen Ganzen verstanden wurde - und somit das große Ganze (oder zumindest das nächst Größere) noch nicht.

In diesem Sinne kennt noch niemand die absolute Wahrheit. So ist die Sportwissenschaft auch keine Naturwissenschaft, sondern eine Geisteswissenschaft. Und gerade in dieser Disziplin werden bestehende Theorien schneller ersetzt als sie entstanden sind.


Wir erleben seit Jahrzehnten einen immer stärker werdenden Trend eines Körperkults. Die Trainingsmethoden werden angeblich immer effektiver, besser, noch schneller. Das Ziel ist ''immer noch stärker, definierter und sexier''.

Doch was sind die Langzeiteffekte solcher Cortisol-Bootcamps? Auf welche Kosten geht es, wenn man seinen Körper regelmäßig massivem körperlichen Stress aussetzt, noch dazu wenn die wirklich profunde Anleitung und Korrektur fehlt? Was passiert, wenn man mit ein paar kleinen Dysbalancen ein regelmäßiges Belastungs- und Trainingsprogramm oder gar einen Triathlon absolviert? Warum betreibt man ein zwangvolles Muskelwachstum, wenn ab einem gewissen Alter diese Muskelmasse ohnehin verschwindet und man trotzdem noch sehr lange sehr glücklich und gesund weiterleben kann? Wenn internistische Probleme aber auch mentaler Stress und emotionale Themen die Gelenke, den muskulären Stoffwechsel und den gesamten Bewegungsapparat beeinträchtigen können, wie wirkt sich umgekehrt eine Abnutzung von Knorpelgewebe, ein intensives Muskeltraining oder das exzessive Laufen in Schuhen, die den Fuß deformieren, auf die Psyche oder die inneren Organe und somit auf die Langlebigkeit aus? Warum betreiben Kulturen wie Indien oder China, die ihr Wissen nun schon sehr lange durch die Generationen transportieren, sehr viel mehr sanfte Bewegungsformen bzw. begleiten progressive Steigerungen über sehr lange Zeit hinweg in gleichem Maße mit einem gesteigerten Bewusstsein?

Ich finde, wir sollten sehr viel mehr Fragen stellen, auf die Bremse treten und zuerst die Basis unseres Körpers in der Tiefe kennen und verstehen lernen und mit elementaren Bewegungserfahrungen in einem gesunden Maße von innen nach außen aufbauen und kultivieren. Denn wenn die Basis erfahren wurde und im wörtlichen Sinne auf festen Beinen steht, dann steht einer allmählichen Steigerung oder einer vermehrten Belastung nichts im Weg.


Dieses Erfahren und Erleben, das Experimentieren und Fühlen sind elementar wichtige Teile des Lernprozesses, der Bewusstsein-Erweiterung. Anstatt einfach nur theoretische Vorgaben aus Büchern oder Empfehlungen von ''Experten'' als wahre Erkenntnis zu kopieren, sollte jeder von uns (und vor allem die professionellen Trainer und Experten) diese Erkenntnisse an sich selbst anwenden und ausprobieren, in möglichst vielfältiger Weise und in allen Facetten erfahren. Erst wenn wir Unterschiede gespürt, Fehler gemacht und korrigiert haben, lange genug dieses vermeintlich bessere Level gehalten und in einem größeren, ganzheitlicheh Kontext beleuchtet haben, können wir den ''wahren'' Weg von weniger günstigen Alternativen besser differenzieren.

Das bedarf viel Zeit und Hingabe, Geduld und Vertrauen - Dinge, die viele Menschen nicht aufwenden wollen oder können. Natürlich sind die Spezialisten die Vorreiter, denen man ein gewisses Vertrauen entgegen bringen darf. Den Weg jedoch muss jeder Einzelne für sich alleine bewältigen – begleitet durch den Input der Experten, aber selbstverantwortlich und achtsam in der Umsetzung.


Auf diesem Weg, der sicherlich nicht einfach und keineswegs garantiert ist, wird sich vieles komisch anfühlen. Komisch deshalb, weil man das Bisherige verändert. Diese Veränderung ist neu und in den meisten Fällen zunächst ungewohnt, komisch eben. Man wird unsicher, da die Veränderung eines zuvor stabilen Systems immer eine Instabilität mit sich bringt.

Es ist eine Reise, bei der man einen sicheren Hafen verlässt und lange Zeit auf offener See verbringt mit vielen Turbulenzen, mit vielen Herausforderungen und mit immer wiederkehrenden, neuen und nicht vorhersehbaren Kursänderungen. Man muss jederzeit achtsam sein, um die Gefahren und Hindernisse zu erkennen, Signale richtig zu deuten. Man muss sich selbst und die ''komischen'' Gefühle immer wieder hinterfragen, um dann richtig zu entscheiden, ob man dieser Richtung weiter vertrauen oder seinen Kurs korrigieren sollte.


So kann man z.B. nicht in einem Wochend-Workshop das richtige (Barfuß-)Laufen erlernen. Denn eine solche Maßnahme kann - abgesehen vom Bewusstseinsstand des Lehrenden - schon alleine aufgrund der begrenzten Zeit nur einen Teil des großen Ganzen wiedergeben. Und anderseits bedarf es unheimlich viel Zeit, Übung und begleitende Korrekturen, um in der Umsetzung und der Selbsterfahrung in die Fähigkeit des ''Richtigen Gehens'' hineinzuwachsen.

Natürlich sind Anstöße von außen, z.B. durch solche Workshops oder sonstige Informationsquellen sehr sinnvoll und wichtig. Doch es handelt sich hierbei lediglich um Anstöße, die den Einzelnen in Bewegung versetzen können. Und dann darf jeder selbst entscheiden, wie weit er diesen Weg verfolgen will, wie weit er sein Bewusstsein in dieser Richtung erweitern will und wie viele weiterführende Fragen er dazu stellen möchte.


Ich habe auf meinem Weg in Hinsicht Körper und Bewegung schon sehr viel Zeit und Hingabe, Geduld und Vertrauen investiert und viele Fragen gestellt.

Natürlich waren es viele Höhen, jedoch genauso viele Tiefen. Es gab bereichernde Momente, genauso wie Momente, in denen ich mir Fehler eingestehen und diese korrigieren musste. Aber erstaunlicherweise kamen die richtigen Anstöße immer zum richtigen Zeitpunkt. Egal ob sie als Information von außen kamen oder als Idee aus mir selbst, alles ging immer Hand in Hand.

Das heißt die Anstöße von außen, die ich aus vielen anderen Informationen ausgewählt habe oder die zufällig auf meinen Weg kamen, haben nach dem Prozess der Umsetzung, des Experimentierens und des Erfahrens zu Veränderungen im Innen geführt. Und durch diese neuen Ideen, aus dem erweiterten Bewusstsein heraus, habe ich dann wertvolle Informationen im Außen schneller erkennen dürfen bzw. kam teilweise sogar zu denselben Erkenntnissen wie andere Menschen, die einen ähnlichen Weg gegangen sind und beispielsweise in Büchern oder anderen Beiträgen von ihren Entdeckungen berichtet haben.

Vor allem hat gerade dieses Wechselspiel das nötige Vertrauen in den ''richtigen'' Weg immer wieder gestärkt.


Um diese wertvollen Impulse zu erhalten, ist der physische Körper ein sehr einfacher und zugleich ein sehr effektiver ''Schlüssel''. Man muss ihn einfach nur benutzen und achtsam beobachten.

So wird man bemerken, dass all diese Impulse im übertragenden Sinne nichts weiter sind als ''Türen'', die sich öffnen. Hinter diesen Türen befinden sich neue, unerforschte Räume. Im ersten Moment können diese ''unbekannten Räume'' oft beängstigend wirken, sie machen unsicher oder sind eben einfach anders - und bedrohen dadurch das bisherige Weltbild, alles Erlernte und Erfahrene.

Deshalb kann man diese Räume nur betreten, wenn man einen großen Teil seines altes Bewusstseins an der Schwelle ablegt und bereit ist, sich für ein neues Bewusstsein zu öffnen und über seine Komfortzone hinaus etwas dafür zu tun - wenn man bereit ist, den Weg auch tatsächlich zu gehen.


Und dazu möchte ich Dich herzlich einladen.


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